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Berchtesgadener Anzeiger Nr. 141
Donnerstag, 27. Juli 1995

Unsichtbares sichtbar machen

Freisprechungsfeier an der Berufsschule für Holzschnitzerei und Schreinerei
des Landkreises Berchtesgadener Land

Nach dreijähriger Ausbildungszeit erfüllte sich für neun Holzbildhauer und elf Schreiner am vergangenen Dienstag ihr Berufswunsch. Im Rahmen der Freisprechungsfeier erhielten sie in der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei Berchtesgaden ihre Gesellenbriefe. Gleichzeitig vollendete sich damit auch für Gerhard Passens das erste er Jahr der Amtszeit als Direktor der Einrichtung. Den Absolventen beider Berufszweige bescheinigte er, die Zeit der Ausbildung gut genutzt zu haben, was die ausgestellten Gesellenstücke auch hinreichend belegten. Durchhaltevermögen und Glück wünschte den nunmehrigen Gesellen für ihren weiteren Lebensweg. Den Staatspreis der Regierung von Oberbayern erhielt Reinhard Osiander.

Schulabschlußfeiern gab es satt in den satt in den letzten Tagen. Allerdings hebt sich die Freisprechungsfeier in der Schnitzschule stets ab vom Üblichen. Nicht die Aula oder Pausenhalle – der aufgeräumte Arbeitsraum diente der Versammlung von Schulabsolventen und Festgästen. Dazu war hahezu das ganze Haus als Galerie für Skulpturen und mitunter außergewöhnlichen raffinierten Möbelstücke eingerichtet. Es roch nach Holz. Und nicht das Rednerpult diente als Stütze für Gratulanten und Festredner, sondern die Werkbank. Blumen gab es, von der Schule für die Damen und als Ausgleich von den Absolventen selbst organisiert, als Beitrag zur Emanzipation. Für die Herren Kunstbände für die Holzbildhauer und Hobel als womöglich erster Baustein für eine geplante Schreinerexistenz gab es zu den Zeugnissen dazu.

Kurz und erfrischend war Gerhard Passens erste Direktorenrede. Bei der Begrüßung der Ehrengäste bedauerte er, daß sein Vorgänger nicht anwesend sein könne. Er habe die Schule zu heutiger Größe gebracht. Passens zitierte Auguste Rodin: "Der Künstler mache sichtbar, was vorher unsichtbar war. Er forme in Kunst um, was er aus der Umwelt aufnehme." Die ausgestellten Stücke beider Abschlußklassen seien beeindruckende Zeugnisse des in den letzten Jahren erworbenen Könnens. Nie könne der Mensch allerdings wohl seine Zeit umfassend und objektive beurteilen. Wer könne deshalb wissen, ob man nicht in einigen Jahren von den 90er Jahren genauso enthusiastisch spreche wie heute von den goldenen 20ern.

Schöne Dinge fördern Wohlbefinden

Wohlbefinden hängt in besonderer Weise auch immer von der Harmonie der uns umgebenden Umwelt ab, meinte Passens. Dazu gehörten schöne Dinge, wie sie Schnitzer und Schreiner schaffen würden. Egal sei es letztlich, ob es sich um einen schönen Gebrauchsgegenstand oder ein Bildwerk handele. Man brauche beides gleichermaßen. Der weitere Berufsweg werde sicherlich nicht einfach. Die Holzbildhauer hätten es dabei noch ein wenig schwerer: Deshalb wollte er ihnen vor allem Durchhaltevermögen wünschen. Und den Willen der Leute, Kunst besitzen zu wollen. Es sei ein weiter und unsicherer Weg dorthin. Leicht könne man hören, dieses oder jenes Stück Gefalle. Seltener erlebe man, daß der Wille kommt, das schöne Stück auch zu besitzen. Davon lebe der Bildhauer aber nun einmal.

Seine Freunde, bei dieser Freisprechungsfeier dabei zu sein, drückte auch Landrat Martin Seidl aus. Es wäre nicht selbstverständlich, daß sich ein Landkreis eine solche Berufsfachschule leiste. Zumal ein Großteil der etwa 75 dort Ausgebildeten Schüler gar nicht aus dem Landkreis kämen. Allerdings stünden die Kommunalpolitiker und der Kreistag voll hinter dieser Einrichtung. Engagierte Leute kümmerten sich darum, die Berufsfachschule zu erhalten. Engagierte Leute gebe es auch um Direktor Gerhard Passens, der die erste Absolventen seiner Amtszeit verabschiede. Auch die fordere seinen Dank.

Wie Landrat Seidl wollte auch Marktbürgermeister Rudolf Schaupp den Schnitzern und Schreinern zum Ausbildungsabschluß gratulieren und Glück für die Zukunft wünschen. Er hoffte, die drei vergangenen Jahre in Berchtesgaden hätten den ehemaligen Schnitzschülern gefallen und einen guten Eindruck hinterlassen. Erfahrungsgemäß beginne jetzt erst die Umsetzung des hier erworbenen beruflichen Rüstzeuges. Dazu wünsche er Erfolg und alles Gute.

Dankbar wäre der Markt, die Schule in seinen Mauern zu haben. Die gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Ausbildungsstätte unterstrich Schaupp am Beispiel einer kürzlich an den Kindergarten Berchtesgaden übergebenen Christusdarstellung. Das Lindenholzrelief von Anna Hörwick war unter neun Modellen ausgewählt worden. Danke wollte Rudolf Schaupp noch einmal dafür sagen und auch für die immer gute Partnerschaft.

Erfreulich und gleichzeitig betrüblich

Zwiespältig seien seine Gefühle an diesem Tag, sagte Robert Pirschel. Erfreulich wäre natürlich die Freisprechung seiner neun von ihm ausgebildeten Holzbildhauer, betrüblich aber auch der Abschied nach drei Jahren intensiven Zusammenseins. Wer die Freisprechung jetzt als Eintritt in den Ruhestand betrachte, dem könne er nun auch nicht mehr helfen, meinte er in einer kurzen und launischen Vorrede. Mit den Zeugnissen gab es von ihm auch anerkennende Sätze zu den Prüfungs – Skulpturen wie "aus einem Mordsblock fein herrausgearbeitet" oder "hast dich selber übertroffen". Den Dank an Robert Pirschel für mit viel Geduld übermittelte Fertigkeiten und Wissen zum Holzbildhauer – Beruf überbrachte Anna Hörwick stellvertretend für die Klasse.

Die Entlassung der Schreiner in den von Gerhard Passens, im Gegensatz wohl zum Schnitzer, als "nützlicher Beruf" bezeichnet‘, nahm Jürgen Gasteiger vor. Elf erhielten in diesem Jahr ihre Gesellenbriefe. Auch Gasteiger bekannte leise Wehmut bei der wieder wie bei Ausbildungsbeginn vor drei Jahren aufgeräumte Werkstatt. Es sei für ihn aber eine schöne Zeit gewesen, bei der er viel gelernt habe. Mitgeben wollte er den Schreinern, daß sie auch künftig stets kritisch aber mit viel Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Ansichten durchs Leben gehen sollten. Wer die Dinge positiv sehe, finde immer eine Lösung. Aber man müsse durchaus auch etwas riskieren, denn wer zur Quelle wolle, müsse gegen den Strom schwimmen. Im Namen aller bedankte sich Hermann Scheifele für das Engagement ihres Lehrers, das weit über das geforderte Maß gegangen sei und Tief in die Freizeit hinein. Auch Gasteigers Ehefrau erhielt Dank für die Geduld, weil ihr Mann oft länger mit seinen Schülern zusammen war, als er mußte. Dank auch ausgedrückt durch elf, von jedem selbst überreichten Porträt – Handpuppen der nun ehemaligen Schüler.

Als besondere Leistung wurde die von Reinhard Osiander herausgestellt. Für seinen "Liegenden Akt" erhielt er den Staatspreis der Regierung von Oberbayern. Die Ehrung führte Landrat Martin Seidel gemeinsam mit Schnitzschuldirektor Gerhard Passens durch. Der Förderpreis der Schule wurde in diesem Jahr dreigeteilt. Neben Carmen Stengele, die als Gesellenstück "Der kleine Vagabund" zeigte, bekamen ihn die Schreiner Cornelia Kohler für ihren Kleiderschrank aus Lärchenholz und Hermann Scheifele für einen Wäscheschrank in Fichte.

Es haben bestanden – Bildhauer: Markus Birkner ("Selbstbildniss"), Peter Heesch ("Torso"), Anna Hörwick ("Auferstandener", Kopie), Robert Krainhöfer ("Sitzender Akt"), Konrad Meyer ("Griechin"), Ingrid Mitterer ("Stehender Akt"), Michael Nauderer ("Caron"), Reinhard Osiander ("Liegender Akt"), Carmen Stengele ("Der kleine Vagabund").

Schreiner: Jürgen Belitz (Doppelwerkbank), Barbara Fichtelscherer (Kommode in Birnbaum und Mooreiche), Petra Häfner (Schrank in Buche und mit blau gebeizter Füllung), Ulrich Holzner (Sekretär in Rüster), Cornelia Kohler (Kleiderschrank in Lärche), Christian Roth ("Rolltreppe"), Stefan Sassenrath (Kommode in Birnbaum und verschiedenen Holzarten), Hermann Scheifele (Wäscheschrank in Fichte), Susanne Schönfelder (Kleiderschrank in Ahorn und Erle), Monika Springel (Garderobe in Rüster), Cosima Wersing (Kleiderschrank in Ahorn).

DM

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| 25.07.2012 | Design: Holz & Art |
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